Meine Ausbildung war nicht zum Wesens·Ingenieur. Es ist ein Begriff, den ich zusammengesetzt habe, um die Art zu beschreiben, wie ich Herausforderungen auseinandernehme, verstehe und neu zusammensetze. So wie der Name sagt, hat es viel mit Ingenieur-Sein zu tun, mit dem Arbeiten an Systemen. Der Wesen-Teil ist multifacettenreich… so wie ich mich in meinem Leben kunterbunt bewegt habe.
Bevor ich erkläre, wie Du den Wesens·Ingenieur in Dir findest, zeige ich Dir zunächst, wie er bei mir arbeitet. Rückblickend war er nämlich schon da, lange bevor ich ihm einen Namen gegeben habe.
Chaos ist mein zweiter Name.
Wie oft habe ich neue Projekte, neue Wohnräume, Steuererklärungen… angefangen, um mich mit grossem Elan in den Prozess zu vertiefen – bis ich mich teilweise darin verliere. Jedes Mal gibt es einen Punkt, an dem ich mich zurückfrage, was ich eigentlich fertig machen wollte. Ich berücksichtige so viele Details und Abhängigkeiten, dass sie sich in meinem Kopf irgendwann nur noch zu einem Wollknäuel verbinden.
Ich sage jedes Mal, ich habe den Überblick und weiss, was gemacht werden muss. Aber ich will keine Zeit verlieren, die einzelnen Aufgaben in eine strukturierte Art und Weise zu bringen… auch wenn ich anfangs eine Art Projektorganisation definiere. Das habe ich nämlich schon gelernt. Nicht umsonst habe ich irgendwo zwei Diplome liegen – aktuell in Frankreich, vermutlich.
Chaos entsteht von sich aus, wenn ich mich lange genug mit einem Thema beschäftige, um es besser zu verstehen und den Prozess verbessern zu können. Ohne es zu wissen, arbeitete der Wesens·Ingenieur damals längst mit. Er wollte verstehen, bevor er entschied. Also zerlegte er alles in seine Einzelteile. Nicht umsonst fühle ich mich teilweise überwältigt von der Komplexität!
So bin ich nun mal… lieber Abreissen bis zu den Grundmauern statt Schönheitsreparaturen. Und wenn ich neu baue, habe ich ein paar Schrauben übrig – im positiven Sinne. Das Unerklärbare daran ist: Auch wenn vielen Menschen diese Detailarbeit mühsam vorkommt, erfüllt mich der Prozess regelrecht. Ich freue mich, wenn ich eine Optimierung erzielt habe. Ich brauche nur in Ruhe gelassen zu werden, um zu Ende „basteln“ zu können. Ist es so deutlich, was ich meine?
Wenn ich so auf mein Leben zurückschaue, gibt es immer wieder ähnliche Situationen. Zu meinen Arbeitszeiten habe ich mal nach x Iterationen eine wunderbare Ampelchart-Scorecard fürs Portfolio-Controlling gebaut – viel zu gut für das, was sie eigentlich hätte leisten müssen. Anderes Beispiel: Mein Keller hatte immer zwei Bereiche. Bis in die letzte Ecke genau organisierte Schränke und die Chaos-Ecke hinter einer Gardine – die ich gerne WIP-Bereich für Work-in-Process genannt habe.
Es waren nicht nur meine Projekte, die den Chaoszustand kannten, sondern auch meine Gedanken. Im Laufe der Zeit entwickelte sich die Frage: Wenn ich alles, was ich angehe, so gründlich auseinandernehme – warum beschäftige ich mich eigentlich nicht mit meinem eigenen Wirrwarr im Kopf?
Meine grosse Baustelle: Ich selbst
Erst nachdem mir meine Arbeitsweise als Wesens·Ingenieur bewusst geworden war – auch wenn es den Begriff damals noch nicht gab –, konnte ich diese Vorgehensweise auf mich selbst anwenden. So habe ich festgestellt, dass ich zu viele parallele Denkschleifen habe, die unnötig sind. Kommt Dir das bekannt vor? Hast Du schon mal darüber nachgedacht, wie viele davon echte eigene Gedanken sind – ohne Bewertung, ohne Gefühlsbezug?
Bad news: Gedanken lassen sich nicht stoppen.
Good news: Du musst sie auch nicht stoppen. Lass sie bewusst gleiten.
Genau das macht der Wesens·Ingenieur, bevor er irgendetwas umbaut.
Während einfacher Tätigkeiten, bei denen Konzentration und Entscheidungen nicht notwendig waren, habe ich die Flut der Gedanken zugelassen und sie analysiert – vergleichbar mit Detektivarbeit. Ich behandelte sie wie Rohdaten einer internen Revision, bis ich mein wahres Ich unter den vielen Schichten gefunden hatte.
Der Wesens·Ingenieur in mir liess keine Ruhe, bevor er wusste, ob Glaubenssätze, Erwartungen, Rollenbilder und Perfektionismus wirklich meine eigenen waren – oder nur übernommene Bauteile. Das erste Mal wurde mir dieser „Abbau“ während einer Übung in einer Mutter-Kind-Kur deutlich. Wir bekamen die Aufgabe, unsere Leistungen im Leben vorzutragen – jedoch ohne sie zu bewerten.
Ich brauchte mehrere Anläufe, um die „eigentlich“s herauszufiltern. Was herauskam, war ein subjektives Bild meines Lebens – eine grossartige Leistung! Zum ersten Mal glaubte ich den Fakten mehr als dem, was ich über mich dachte.
Mein Selbstbild davor war eindeutig nur ein Bruchteil von meiner Begeisterung darüber, was ich tatsächlich erreicht hatte. Seit diesem Wendepunkt erkenne ich, wenn ich mit meinen Gedanken drifte, und habe eine gesündere Beziehung zu mir selbst entwickelt. Vielleicht kennst Du das auch – sich aus dem Blick der anderen zu sehen, aber sich selbst eher nie zu loben.
Empfindest Du einige Parallelen in Deinem jetzigen Dasein und überlegst Du leise, den Wechsel anzugehen?
Abbauen oder abhauen? Mach das bitte nicht nach. Also… zumindest nicht blind. Dein Leben neu aufzusetzen ist deutlich anstrengender als ein Zimmer-Make-over an einem Wochenende. Da kommen die Techniken des Wesens·Ingenieurs auf jeden Fall zu Hilfe.
Ich habe mit den Werten angefangen. Stück für Stück klopfte ich die Schlacke ab. Wie ich sein musste, wie ich leben musste, blätterte von mir ab. Marie Kondo macht das mit Gegenständen, der Wesens·Ingenieur macht es mit Denkmustern – gleiche Frage, härterer Gegenstand.
Gehört dieser Gedanke überhaupt zu mir?
Je nach Antwort: behalten oder sich davon trennen.
Rückblickend fällt mir auf, dass sich dieses Muster nicht nur in meiner Arbeitsweise zeigt. Es hat auch mein Leben geprägt.
Viele Leben. Ein roter Faden.
Hier wirst Du keinen Lebenslauf finden… das wäre eine gefühllose Sammlung. Manche Stationen in meinem Leben will ich erwähnen, weil sie meine Perspektiven auf mein Wesen immer wieder sichtbar gemacht haben.
Ich war eine brave Schülerin, dann wurde ich Ingenieurin, arbeitete aber als Controllerin – was mir überraschenderweise gut passte. Ich habe Kennzahlen verfolgt, Abweichungen analysiert, den Prozess seziert, Hilfe oder Umbau koordiniert und, wenn nötig, alles wieder und wieder gemacht. Diese Station war nicht nur ein Beruf. Sie war die konkrete Anwendung des Wesens·Ingenieur-Konzepts.
Die Abenteuer, die mich riefen, bin ich gefolgt und ausgewandert… und noch einmal! Diese grösseren Wechsel waren zu dem Zeitpunkt alle richtig. Ich habe darin eine Rolle gesehen, die ich besetzen wollte. Ich könnte auch sagen, dass ich schicksalshaft in Konstellationen hineingezogen wurde, die mir weitere Aspekte des Lebens zeigten. Erst musste ich Möglichkeiten leben, bevor ich wusste, ob sie wirklich zu mir passten. Was kann ich hier noch sagen: Eine ausgeliehene Jacke sitzt nie!
Mutter bin ich auch geworden… aber nicht nur: Karrierefrau und Mutter, dann Hausfrau und Mutter. Dadurch habe ich die Kunst des kreativen Improvisierens in mein Portfolio aufgenommen. Denn der Wesens·Ingenieur ist bekannt dafür, möglichst alles zu recyceln – auch wenn es heisst, für das Lego-Sortieren die Schuhkartons zu opfern. Als Mutter lernt frau, Prioritäten im Leben zu setzen… und leider kommt das Selbst dabei oft zu kurz! Handeln wir aus Liebe, aber verursachen wir vielleicht Kollateralschaden dabei?

Das Aha-Erlebnis kam erst neulich… wie wenn man endlich das Wort sieht, von dem man weiss, dass es dort steht. Ich konnte mich in meinem Zi Wei Dou Shu Chart lesen. Die Wiedererkennung meines wechselhaften Lebens, erst hinschmeissen, bevor ich neu zusammenbaue… alles war bunt vor mir. Alle Stationen meines Lebens, die wiederholten Ausprägungen desselben Musters, derselbe Kern meines Wesens… wie ich in dieses Leben gewebt bin, mit ganzer Nacktheit vor meinen Augen: mein Charakter und Verlauf, meine Historie… ein realisiertes Schicksal. Ich hatte bereits die Erfahrung, die mit der Deutung übereinstimmte.
„In Chinesischen Lehren begegnete mir ein Archetyp, dessen Beschreibung mich verblüffte. Nicht weil er mich definierte, sondern weil er ein Muster benannte, das ich längst gelebt hatte.“
Plötzlich ergaben Jahrzehnte voller Umwege ein erstaunlich klares Bild.
Was ich heute anders mache
Endlich verstehe ich mich!… zumindest viel deutlicher als früher.
Ich versuche mich nicht mehr in Arrangements, Denkweisen und Lebenskonstellationen hineinzuzwingen. Vielleicht kennst Du das Gefühl, aus der Reihe zu tanzen. Ich nutze es inzwischen, statt es zu verstecken.
Ich mache keine To-do-Listen mehr… lieber steige ich gleich rein bis ins Knöchelhohe und erfasse das Problem buchstäblich, ohne Zeit zu verlieren. Mein Wesens·Ingenieur will gleich loslegen und gleichzeitig zerlegen, bewerten und behalten.
Ich habe mich in meiner Zweisamkeit mit mir selbst angefreundet und finde es wertvoll, mich zu beobachten, ohne mich sofort zu verurteilen. Wenn ich wieder in eine meiner bekannten Wiederholungsschleifen trete, ist davon wegzukommen nicht mehr frustrierend und verärgerlich. Ich sehe eine Möglichkeit zur dauerhaften Verbesserung… nur eine kleine Nachjustierung, KAIZEN am eigenen Betriebssystem. Da freut sich mein Wesens·Ingenieur wieder, etwas zu optimieren!
Es ist vorbei damit, mich aus Sicht der anderen zu bewerten und mich hart zu kritisieren. Ich kann nie perfekt sein, wenn ich mich mit einem anderen Massstab als meinem eigenen messe. Allein diese Erkenntnis hat meine psychische Belastung in Beziehungen ziemlich entlastet. Damit meine ich nicht, auf andere zu pfeifen, sondern Erwartungen durch meine eigene Logik laufen zu lassen – und vor allem, meine Beziehungen ohne Erwartungen zu wertschätzen. So kann ich nicht enttäuscht werden.
Ich hatte lange geglaubt, Fürsorge bedeute, sich selbst hintenanzustellen. Was denkst Du? Heute weiss ich: Selbstrespekt ist keine Konkurrenz zur Liebe, sondern ihre Voraussetzung.
Das Wesens·Ingenieur-Protokoll
… an einem Beispiel zusammengefasst:
Befund: Perfektionismus festgestellt.
Demontage: Beziehungsdynamiken analysiert.
Ursache: Fremde Erwartungen definieren das Handeln.
Massnahme: Orientierung an fremden Messlatten ersatzlos gestrichen.
Status: Läuft deutlich besser.
Nachkorrektur: Eigenlob verstärkt.
Diese Erkenntnisse haben mein Leben verändert. Deshalb behalte ich sie nicht für mich.
Warum ich Dir das alles erzähle
Ich habe mich lange genug mit mir selbst beschäftigt, dass vielleicht etwas davon bei Dir Resonanz findet.
Du wirst sicher nicht gleich auswandern wie ich. Zunächst könntest Du Dein Leben, Deine Werte und Deine Gedanken einmal in der Art und Weise eines Wesens·Ingenieurs ansehen – und Dich dadurch besser verstehen.
Du bist Dein Leben. Wie Du intuitiv denkst und handelst, ist das Wesentliche von Dir. Es kann nicht falsch sein, nur weil es nicht erwartet wird. Deshalb hilft es, alte Muster zu hinterfragen.
Wenn Du das Gefühl hast, Dein Leben zwickt oder fällt wie eine ausgeliehene Jacke, heisst das nicht, dass Du sie sofort ablegen solltest. Manchmal ist ein Umweg der direkteste Weg zu Dir selbst.
Das Gesündeste, was Du machen kannst, ist das Bedürfnis zu fühlen, Deinen eigenen Kern bewusst zu untersuchen. Das hilft, den selbst gelegten Schleier beiseitezuschieben.
„Vielleicht findest Du auf diesen Seiten keine Anleitung für Dein Leben. Aber vielleicht den Mut, Dein eigenes etwas genauer zu untersuchen.“
Falls Du bis hier gelesen hast, gehörst Du vermutlich ohnehin nicht zu den Menschen, die den geraden Weg besonders spannend finden.
Ich entdecke neue Wege… kommst Du mit?
Zuletzt aktualisiert: August 2026
